GENERALTHEMA & SEKTIONEN

  • Themenbe-schreibung
  • Sektionen 
  • Geschichte der AGT

THEMENBESCHREIBUNG

 

Einheit in der Vielfalt? — Germanistik zwischen Divergenz und Konvergenz

 

Viel hat von Morgen an,

Seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander

Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

(Hölderlin: Friedensfeier)

 

„Einheit in der Vielfalt“ — in diese schöne Formel hat Leibniz die höhere Ordnung gefasst, in welcher die zusammenhängenden Einzelnen eine prästabilisierte Harmonie bilden, ohne dass ihre Mannigfaltigkeit verlorenginge. Unter dieser Wendung wird heutzutage jedoch ein fernes Ideal verstanden, das sich sogar immer weiter zu entfernen scheint, umso mehr, als Einheit und Vielfalt lediglich als Gegensätze betrachtet werden. So scheint es, als sei man heute vor eine unversöhnliche Alternative gestellt: Entweder wird die Einheit durch den Anspruch auf die Vielfalt gehemmt oder aber die Vielfalt im Namen der Einheit mit einem gewissen Vorbehalt versehen. Die Extreme lauten auf Anarchie oder Despotie.

 

Wenn wir unseren Blick auf den realen Geschichtsverlauf vor allem der kulturellen Phänomene lenken, präsentiert sich dieser vielmehr als der eines Divergierens und Konvergierens, wobei Divergenz und Konvergenz einander nicht immer ausschließen, sondern oft auch parallel geschehen. Eine Kultur kann durch den wechselseitigen Verkehr mit den benachbarten Kulturen ebenso einen kulturell vereinigten Großraum bilden, wie durch Einpflanzungen, Pfropfungen oder Mischungen in unterschiedlichere Gestalten variieren. Auf die Einführung peripherer oder anderer Kulturen kann entweder eine gelungene Integration folgen oder eine Vereinheitlichung durch Vernachlässigung der Mannigfaltigkeit oder aber die bloße Vielheit und Koexistenz vereinzelter Kleinkulturen. Dieser Prozess ist weder eindimensional noch einseitig, sodass die heutige Entwicklung der digitalen Medien und deren Netzwerk, durch welche einerseits die kulturelle Uniformierung im Schatten der Globalisierung fortschreitet, nach und nach die neuen, kulturell eigentümlichen Gemeinden kleineren Umfangs auf der anderen Seite hervorbringt.

 

Die Geschichte der deutschen Literatur ist ihrerseits durch Prozesse des Konvergierens und Divergierens geprägt. Die moderne deutsche Literatur ist aus einem ununterbrochenen doppelten Bemühen geboren: Im Kampf um die (zuerst geistige) Freiheit und auf der Suche nach kultureller Identität hat sie nämlich mannigfaltige fremde Kulturen intensiv studiert und deren Quintessenzen übernommen. Dieser Versuch, der vor allem im 18. Jahrhundert bemerkbar ist, scheint am Beginn des 19. Jahrhundert zwar eine Richtung zur Konvergenz einzuschlagen, indem die Selbstdefinition der deutschen Literatur um deren Verselbstständigung als Nationalliteratur willen unternommen wird, dabei wird jedoch im selben Zug die mittelalterliche Dichtung wiederentdeckt, die eigentlich eine paneuropäisch offene, von christlichen Grundzügen und zeitweilig unterschätzen heidnischen Komponenten geprägte Welt spiegelt.

 

Der Erweiterung der bürgerlichen Gesellschaft und der Entwicklung von Wirtschaft und Technologie entsprechend, divergiert die Literatur des 19. Jahrhunderts in ihren Formen und Gegenständen ins Mannigfaltige, obwohl dadurch jene konvergierende Tendenz eher gefördert als behindert wird, das Selbstbewusstsein des Nationalstaats (vor der Existenz desselben) auszudrücken und dem Interesse des eigenen Staatsvolks als dem hauptsächlichen Publikum zu dienen. Überhaupt kann eine ästhetisch-stilistische Verfeinerung unter Ausschluss vom Fremdartigen in höherem Maße als sonst vonstatten gehen, allerdings mit der Gefahr der geistigen Sterilisierung; dagegen kann die grenzüberschreitende politische sowie wirtschaftliche Expansion die Mannigfaltigkeit des literarischen oder sprachlichen Ausdrucks befördern, was dann nicht selten aufs bloße Konglomerat verschiedener kulturellen Bruchteile hinausläuft — in dieser ironischen Wechselwirkung von Divergenz und Konvergenz pendelt die moderne deutsche Literatur bis ins 20. Jahrhundert.

 

Sowohl bei der typologischen Verteilung als auch beim geschichtlichen Wandel der Sprache wirken nicht nur heteronome makroskopische Faktoren wie Politik oder Wirtschaft mit, sondern auch komplexe, der Sprache inhärente Antriebe, deren mikroskopische Beobachtung, Analyse und Beschreibung eine entscheidende sprachwissenschaftliche Aufgabe bilden. Auch hierfür ist der Gesichtspunkt der Divergenz und Konvergenz relevant. Auseinandersetzungen mit der Sprache werden durch das Zusammenwirken des divergierenden und konvergierenden Vektors geprägt. Ab der frühen Neuzeit gab es ununterbrochen zahlreiche Bestrebungen nach einer Sprache als Gemeingut der deutschen Sprachgemeinschaft, bis es schließlich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zur Bildung der deutschen Standardsprache gekommen ist. Parallel dazu hat das Interesse an sprachlichen Varietäten immer mehr zugenommen, was zur Entwicklung sprachgeographischer und soziolinguistischer Ansätze geführt hat. Auch in der theoretischen sowie empirischen Sprachforschungen stößt man immer wieder auf die Begrifflichkeiten von Divergenz und Konvergenz: Es herrscht die Einsicht, dass in der Sprache universale Prinzipien und der Einzelsprache spezifische Kräfte aufeinander wirken.

 

Stets von Bedeutung war mithin die Aufgabe, in der Praxis des Deutschunterrichts zu prüfen, inwiefern der Schwerpunkt allein auf einheitliche Normen der zu vermittelnden Sprache zu legen sei und wie weit die Mannigfaltigkeit der regionalen und kulturellen Hintergründe hierbei berücksichtigt werden sollte. Über diese klassische Frage der sprachlichen Normen hinaus ist die DaF-Forschung immer auch mit der Frage der Divergenz und Konvergenz konfrontiert, denn aus der bisherigen Forschung ist bereits bekannt, dass es kein Allzweckrezept mit Wundermitteln gibt. Vielmehr liegt eine Vielzahl an Konzepten und Theorien zur Vermittlung des Deutschen vor, die jeweils an unterschiedliche Lehr-Lern-Kontexte angepasst sind. Es wird durchgehend diskutiert, ob und welche gemeinsame Ziele einerseits gestellt und erreicht werden können, ohne andererseits die Binnendifferenzierung außer Acht zu lassen. Auch im asiatischen Kontext, assoziiert mit „homogenen“ Lernergruppen, bringen die Akteure ganz unterschiedliche, persönliche Sprachlehr- und -lernbiografien mit, die das Geschehen innerhalb und außerhalb des Unterrichts stark beeinflussen. Um der Gemeinsamkeit und der Vielfalt in den Lehr-Lern-Prozessen auf die Spur zu kommen, bieten empirische Studien gute Zugangsmöglichkeiten.

 

Begleitet von diesen Fragen der Spracheinheit und Sprachvermittlung schöpft deutsche Literatur von heute ihre Motivation erstens aus der selbstreflexiven Betrachtung der eigenen politischen und wirtschaftlichen Umgebung, zweitens aus der Reflexion des geschichtlichen, nicht unbedenklichen Verlaufs, den sie im vorigen Jahrhundert nahm, und drittens aus der Suche nach einer möglichen Neu- oder Umbildung des Sozialen im global vernetzten, enorm ausgebreiteten Datenverkehr, in dem das Symbolisch-Sprachliche und das Imaginär-Bildliche, auf denen menschliche Bindungen bisher basiert haben, durch das programmierte Virtuell-Reale immer mehr verschlungen werden. Hier ist wiederum zu beobachten, dass sich Divergenz und Konvergenz in unerwarteter und unvorhersehbarer Weise vollziehen.

 

Der Blickpunkt aus Ostasien kann sowohl zum Nachdenken über die genannten Epochen als auch zur Erörterung der neuen technischen Bedingungen einen wesentlichen Beitrag leisten: Im Prozess der Modernisierung haben die asiatischen Länder, die sich die westlichen Sprachen zu erlernen bemüht und die westliche Literatur als Vorbild rezipiert haben, das Widerspiel von Divergenz und Konvergenz aus der deutschen Literatur mit aufgenommen, dies freilich mit kultureigenen Variationen.

 

Zu diskutieren sind folgende Themen:

 

1) Vor dem Nationalen — Einheit und Vielfalt (in der Dichtung) bis zur frühen Neuzeit

2) Einschließender Ausschluss oder ausschließender Einschluss — Fremde, Gäste, Feinde als literarische Grenzphänomene

3) Widerspiel ums „Wir“ — Ein-, Aus- und Umbildung des Gemeinsamen

4) Nach dem Nationalen oder Jenseits des Nationalen — Divergenz und Konvergenz in der modernen Literatur

5) Mischen oder Nischen bilden — Aspekte der modernen Medienkultur 

6) Universalien und Spezifitäten. Typologische, kontrastive und sprachspezifische Ansätze zur Sprache

7) Konvergenz und Divergenz: Sprache in der Geschichte und in der Gesellschaft

8) Konzepte zur Vermittlung der deutschen Sprache: Gemeinsame Ziele und Binnendifferenzierung

9) Empirische Zugänge zur Vielfalt und Gemeinsamkeiten in Lehr-Lern-Prozessen

 

In der Hoffnung, dass bald wir Gesang werden!

 

Das Organisationskomitee der Asiatischen Germanistentagung 2019 in Sapporo


SEKTIONEN

 

Die folgenden Sektionen sind vorgesehen.

 

1. Vor dem Nationalen: Einheit und Vielfalt in der Dichtung bis zur frühen Neuzeit

Leiter: Jun YAMAMOTO, Ko-Leiter: Dieter TRAUDEN

2. Einschließender Ausschluss oder ausschließender Einschluss: Fremde, Gäste, Feinde als literarische Grenzphänomene

Leiter: Takahiro NISHIO, Ko-Leiterin: Misa FUJIWARA

3. Widerspiel ums „Wir“: Ein-, Aus- und Umbildung des Gemeinsamen

Leiter: Yoshikazu TAKEMINE, Ko-Leiter: Markus JOCH, Ko-Leiterin: Keiko TANABE

4. Nach dem Nationalen oder jenseits des Nationalen: Divergenz und Konvergenz in der modernen Literatur

Leiter: KIM Jisung, Ko-Leiter: Kenichi ONODERA

5. Mischen oder Nischen bilden: Aspekte der modernen Medienkultur

Leiterin: Chikako KITAGAWA, Ko-Leiter: Andreas BECKER

6. Universalien und Spezifitäten: Typologische, kontrastive und sprachspezifische Ansätze zur Sprache

Leiter: Tomoaki SEINO, Ko-Leiterin: KANG Minkyeong

7. Einheit und Vielfalt: Sprache in der Geschichte und in der Gesellschaft

Leiter: Makoto SHIMIZU, Ko-Leiter: Ryo KUMASAKA

8. Konzepte zur Vermittlung der deutschen Sprache: Gemeinsame Ziele und Binnendifferenzierung

Leiterin: Akira KUSAMOTO, Ko-Leiter: Olga CZYZAK

9. Empirische Zugänge zur Vielfalt und Gemeinsamkeiten in Lehr-Lern-Prozessen

 Leiterin: Naoko KAJIURA, Ko-Leiter: Tatsuya OHTA

 


GESHICHTE DER Asiatischen GermanistenTagung

 

1991 (Berlin, Japan-Zentrum): Deutsche Literatur und Sprache aus ostasiatischer Perspektive

1994 (Beijing): (im Rahmen der IDV-Asientagung)

1997 (Seoul): Germanistik im multimedialen Zeitalter

1999 (Fukuoka): Schwellenüberschreitungen

2002 (Beijing): Neues Jahrhundert, neue Herausforderungen

2006 (Seoul): Kulturwissenschaftliche Germanistik in Asien

2008 (Kanazawa): Transkulturalität

2012 (Beijing): Interlingualität, Interkulturalität, Interdisziplinarität: Grenzerweiterungen der Germanistik

2016 (Seoul): Germanistik in Zeiten des großen Wandels

 

Die Asiatische Germanistentagung wurde, auch wenn sie sich damals noch nicht so nannte, im August 1991 begründet, als die Japanische Gesellschaft für Germanistik eigens für die drei ostasiatischen Länder Japan, China und Korea ein Symposium in Berlin zum Thema ‚Deutsche Literatur und Sprache aus ostasiatischer Perspektive’ veranstaltete. Mit diesem Symposium war der Grundstein für eine internationale Germanistenkonferenz in und für Asien gelegt, die gemäß späteren Vereinbarungen prinzipiell alle drei Jahre wechselweise in einem der drei Länder stattfinden sollte. In diesem Rahmen wurde die IDV-Regionaltagung 1994 in Beijing als die erste bzw. zweite Asiatische Germanistentagung durchgeführt, gefolgt von Konferenzen in Seoul (1997), Fukuoka (1999), Beijing (2002), Seoul (2006), Kanazawa (2008), Beijing (2012) und Seoul (2016).

 

Wenn es 1991 in Berlin eine asiatische Perspektive herauszustellen galt, so war damit die zentrale Problematik der Auslandsgermanistik angedeutet, die sich, als Mittlerin zwischen dem Deutschen und Asiatischen, ihrer Identität wie ihrer Betätigungsfelder bewusst werden und für sie kämpfen muss. Wie es den oben genannten Tagungsthemen entnommen werden kann, ging es auf den weiterführenden Tagungen stets um Themen, die die jüngsten internationalen Entwicklungen der Fachgermanistik mitbestimmten und zugleich unserem Bedürfnis nach einer Neuorientierung in Lehre und Forschung entgegenzukommen vermochten.

 

Es gehört auch zur Gepflogenheit der Asiatischen Germanistentagung, neben den Mitgliedern der chinesischen, koreanischen und japanischen Germanistikverbände, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen weltweit, vor allem aus anderen asiatischen Ländern sowie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, einzuladen.